... | http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/1120316 --- Video | 14.11.2008 | Richter wegen Rechtsbeugung verurteilt | | Der Fall hat die Diskussion um "Fixierungen in Pflegeheimen" neu
angeheizt: Ein Amtsrichter hat in verschiedenen Pflegeheimen im
Landkreis Esslingen jahrelang Bettgitter und andere
freiheitsentziehende Maßnahmen genehmigt, ohne die Betroffenen vorher
anzuhören. Das Stuttgarter Landgericht hat den früheren
Vormundschaftsrichter heute zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt -
wegen Rechtsbeugung in 47 Fällen und versuchter Rechtsbeugung in 7
Fällen. Der Nürtinger Amtsrichter habe massiv in die Freiheitsrechte
der Betroffenen eingegriffen, die vorgeschriebene Anhörung nicht
durchgeführt und statt dessen Protokolle fingiert. | Mein Kommentar: An
anderer Stelle habe ich bereits angemerkt, dass dieser Richter
wahrscheinlich sowohl Täter als auch Opfer ist. Aus dem obigen Bericht
geht dies allerdings nicht hervor. Natürlich begrüße ich grundsätlich
die Verfolgung und Verurteilung von Rechtsbeugung, aber man muß sich
schon fragen, wie es hier zu der völlig untypischen Verurteilung kam. Untypisch
ist nicht nur die Verfolgung und Verurteilung eines Richters, sondern
besonders auch, dass sogar seine ehemaligen Kollegen bereitwillig gegen
ihn aussagten und ihn kritisierten. Beim
AG Gelsenkirchen-Buer gibt es einen Richter, der völlig willkürlich
seine Urteile fällt. Dies bestreiten weder seine Kollegen, Richter von
anderen Amtsgerichten und auch nicht Richter vom Landgericht. Dies
bestreiten ebenfalls weder Staatsanwälte noch Rechtsanwälte. Aber
niemand kann oder will etwas gegen diesen Richter und seine
offenkundige Willkür unternehmen.. Die
gemachten Aussagen und Kritiken seitens der Richterkollegen sind also
völlig untypisch für die deutsche Justiz. Das typische Vorgehen wäre,
es das vermeintlich hohe Ansehen der Justiz zu schützen, in dem man
versucht begangene Fehler zu vertuschen. Um dies zu erreichen
verweigerte der Direktor des AG Stenda einem Bürger sogar Akteneinsicht. Aus
Erfahrung ist anzumerken, dass es andere Gründe sein dürften, die zu
der Verfolgung und Verurteilung des Amtsrichters geführt haben. Es gibt
eine Zeitungsbericht über den Amtsrichter der vor der Verurteilung
geschrieben wurde. Ich veröffentlichen ihn hier, weil dieser aussagt,
dass tatsächlich andere Gründe für die Verfolgung und
Verurteilung ausschlaggebend gewesen sein dürften.
Die ARD
berichtet, dass dieser Richter kein Einzelfall sei. So sollen ca. 35%
der Betreuungsrichter keine Anhörungen bei ähnlichen Entscheidungen
durchführen. Dann müßten ja in den nächsten Monaten noch etliche
Richter angeklagt und verureilt werden. Zumindest wenn es mit
rechten Dingen zugeht. |
... | Stuttgarter Zeitung | 10.10.2008 | | Wegen Rechtsbeugung vor Gericht | Ein Amtsrichter versteht die Welt nicht mehr | Nürtingen - Es gehört zum Berufsbild des
Richters, dass es bei ihm mit rechten Dingen zugeht. Michael Irmler
fällt aus dem Rahmen. Weil er allzu leichtfertig über alte Menschen
geurteilt haben soll, steht der Amtsrichter selbst vor Gericht. Er
sieht sich als Opfer des Systems.
Im Leben des Nürtinger
Amtsrichters Michael Irmler gibt es eine Zeit, die er heute die Hölle
nennt. An einem kalten Freitag kurz nach sechs am Abend schreckt der
Familienvater auf. Vor der Türe seines Hauses stehen drei
Kriminalbeamte und eine Staatsanwältin. Sie haben einen
Durchsuchungsbefehl.
Schlimmer geht's nimmer, denkt sich Irmler,
als die Fahnder am 8. Dezember 2006 sein Bad durchstöbern und in seinem
Schlafzimmerschrank nach Akten suchen. Er sollte sich täuschen. Drei
Monate später wird der bis dahin unbescholtene Richter abgeführt.
Untersuchungshaft auf dem Hohenasperg. "Da habe ich die Welt nicht mehr
verstanden", sagt er. "Ich dachte, ich bin im falschen Film."
Acht Stehordner Akten, sieben Stehordner Beweismittel
Der
Film ist Realität, und Regie führte die Staatsanwaltschaft. Der
Amtsrichter Michael Fritz Jörg Irmler sieht sich mit Ermittlungen samt
Disziplinarverfahren konfrontiert. Eine ernste Sache, acht Stehordner
Akten, weitere sieben Stehordner Beweismittel. Es geht um
Urkundenfälschung, Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung.
Irmler
wird vorgeworfen, für pflegebedürftige Menschen in Altenheimen
Bettgitter und Fixierungen genehmigt zu haben, ohne diesen Eingriff in
deren Freiheit wie vorgeschrieben zu prüfen. Er soll Senioren in
geschlossene Abteilungen eingewiesen haben, obwohl er sie nie gesehen
hat. Und in einigen Fällen soll er sogar freiheitsentziehende Maßnahmen
bei Heimbewohnern angeordnet haben, die bereits verstorben waren.
Das
alles liest sich nicht schön, schon gar nicht für einen Richter. Es
geht um fast siebzig Fälle. "Wir gehen davon aus, dass fingierte
Anhörungsprotokolle angefertigt wurden, um den Akten den Anschein der
Ordnungsmäßigkeit zu geben", sagt Bettina Vetter von der
Staatsanwaltschaft in Stuttgart. "Das stimmt nicht", sagt Michael
Irmler.
Michael Irmler bestreitet alles
Über der
Wahrheit liegt ein Grauschleier, und wer recht hat, versucht das
Landgericht in Stuttgart in diesen Tagen zu klären. Fünf
Verhandlungstage sind angesetzt. An diesem Morgen werden in Saal 3
weitere Zeugen gehört. Es sind überwiegend Pflegekräfte. Michael Irmler
sitzt mit amtlicher Miene auf der Anklagebank und hört ihnen zu.
Der
Richter bestreitet alles - nur nicht mehr wie früher seinen
Lebensunterhalt. Seit der Hausdurchsuchung und der zweiwöchigen
Untersuchungshaft ist er zur Untätigkeit verurteilt. "Das ist alles
andere als angenehm", sagt er, wobei ihn der Umstand, dass er als
suspendierter Richter bis heute seine vollen Bezüge bekommt, nur
bedingt über die missliche Lage hinwegtröstet.
Michael Irmler
möchte Richter sein. Das wollte er schon in der Schule. Irmler,
Jahrgang 1963, besuchte das Hölderlingymnasium in Nürtingen, er war ein
paar Klassen unter dem Entertainer Harald Schmidt. 1983 hat er mit dem
Jurastudium begonnen, erstes Examen 1989, zweites Examen 1992.
Beharrlich verfolgte er seine Ziele. Irmler arbeitete zunächst einige
Jahre bei der Staatsanwaltschaft, bei der fünften Strafkammer des
Landgerichts und beim Amtsgericht in Kirchheim. 1998 wurde er
Amtsrichter in Nürtingen.
Zu 35 Prozent Betreuungsrichter
Die
lokale Gerichtsbarkeit ist kein Zuckerschlecken, aber Irmler gefällt
der Job, auch wenn die Aktenberge bei ihm stetig gewachsen sind. Er hat
zwei Lehraufträge, doziert an Fachhochschulen, lernt Kollegen ein, hält
Vorträge in Pflegeheimen. Das macht er nebenbei. Im Hauptberuf ist er
Zivilrichter, zu 65 Prozent. Mietstreitigkeiten, Verkehrsunfälle,
Nachbarschaftskriege, Bausachen. Mehr als 350 Fälle gehen pro Jahr über
seinen Tisch.
Nebenbei ist er zu 35 Prozent noch so genannter
Betreuungsrichter - bis zu 300 Verfahren pro Jahr. Es geht um
Bettgitter für hilflose Menschen, um Gurte für Rollstuhlfahrer, die
sich nur schwer damit abfinden, dass ihre Beine nicht mehr tragen, um
demente Senioren, die in geschlossene Abteilungen verlegt werden, weil
sie sonst Gefahr laufen, bei Ausflügen die Orientierung zu verlieren.
Auch
Richter verlieren manchmal die Orientierung. Vielleicht hat sie auch
Michael Irmler verloren. Immer mehr Alte, immer mehr Akten, immer mehr
Heime. Sie heißen Marienstift, Haus Geborgenheit oder Schlossgarten.
Klingende Namen, engagierte Pflegekräfte. Aber der letzte Weg kann lang
sein, und manchmal auch schäbig. Richter wie Irmler sind Teil eines
Apparats, der bewältigen muss, was kaum zu bewältigen ist.
Gesellschaftliches Problem
Andrea
Fuchs, Richterin in Bruchsal und lange Zeit Vorsitzende des
Amtsrichterverbands, spricht von einer Antragsflut, die über
Betreuungsrichtern niedergeht. Sie hält das für ein gesellschaftliches
Problem. "Die Leute werden immer älter und immer seltener zu Hause
versorgt", sagt sie. Pflege eine Tochter ihren Vater in den eigenen
vier Wänden, benötige sie weder für ein Bettgitter noch für Schutzdecke
oder Bauchgurt eine Genehmigung. Im Seniorenheim ist das anders. Da ist
der richterliche Beschluss erforderlich.
Nicht überall wird
die freiheitsentziehende Maßnahme als letztes Mittel gesehen, und nicht
immer braucht es wirklich gleich eine Fixierung. Oft ist die
Personalnot im Heim groß und noch größer die Angst, dass in der Hektik
des Alltags etwas passiert, weil Herr Müller nicht sitzen bleibt und
Frau Maier sich im Bett wälzt. Auch das gehört zur Wahrheit. "Viele
Anträge sind unnötig", sagt Andrea Fuchs. "In den Pflegeheimen versucht
man sich abzusichern. Deshalb hat die Arbeit für die Richter
zugenommen." In der Justiz höre man das nicht gerne, weiß die
Richterin. "Baden-Württemberg rühmt sich der niedrigsten Richterdichte
und der schnellsten Verfahren." Das gehe auf Kosten der Qualität.
Michael
Irmler wird vorgeworfen, auf Kosten der Qualität gearbeitet zu haben.
Er bestreitet das. Irmler sieht sich als Leidtragender eines
Ränkespiels an seinem Amtsgericht. Das habe mit einer früheren
Liebschaft im Justizapparat zu tun, von der er sich getrennt habe.
Kollegen hätten Material gegen ihn gesammelt. Seine
Totenfesselungsbescheide, seine fragwürdigen Protokolle und seine Art
des Umgangs mit Akten erklärt er mit Pannen, mit missverständlichen
Formulierungen, mit Bearbeitungsfehlern, mit Unzulänglichkeiten in
Heimen, mit eigener Überlastung. Er habe den Amtsgerichtsdirektor auf
den Druck hingewiesen. Geändert habe sich nichts.
Irmler kämpft um sein Recht
Die
Staatsanwaltschaft hat ein anderes Bild vom Amtsrichter Irmler. Der
Staatsdiener habe seine Arbeit mit möglichst geringem Zeitaufwand
betrieben, um mehr Freizeit zu haben. In seinen Protokollen fanden die
Fahnder Namen von Schwestern, die angeblich bei Anhörungen im
Seniorenheim dabei gewesen sind. Aber die können sich nicht erinnern.
Das bestätigt ein betroffener Heimleiter: "Niemand bei mir im Haus ist
bekannt, dass Herr Irmler bei einem der Bewohner war."
Wenn es
schlecht läuft, wird der 45-jährige Amtsrichter zu einer Strafe
verurteilt, die über einem Jahr liegt. Dann kommt es zur
Dienstenthebung, seine Karriere im Staatsdienst ist zu Ende und er muss
den Traumberuf aufgeben. Noch ist es nicht so weit. Der Richter kämpft
um sein Recht. Er hat den Eindruck, dass er ein faires Verfahren
bekommt. Seine Frau und die Tochter stehen zu ihm. Irmler hat den
Anwalt gewechselt und mit ihm die Strategie. Er stellt sich.
"Den
Betroffenen ist keinerlei Schaden entstanden", sagt der Richter. "Nicht
sie sind das Opfer, sondern ich bin das Opfer einer Intrige aus Neid
und Missgunst." Wenn es gut läuft, kommt er mit einem blauen Auge
davon, kann seine Robe wieder überstreifen und Urteile fällen. Wer
weiß. "Vor Gericht und auf hoher See", sagt Michael Irmler zum
Abschied, "da ist man in Gottes Hand." |
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